Gib besser heute dein Wissen weiter, denn morgen fressen dich die Würmer

Albertina und Rolf Leuenberger reisten Anfang Mai nach Casma, um für Fraternitas vor Ort die Leitung zu übernehmen. Vor ihrer Abreise besuchte ich die beiden in ihrer Wohnung in Bern. Leider verwehrt mir der Hochnebel den Blick auf die Berner Alpen und für gewöhnlich begrüsst einem nebst Leuenbergers auch ihre Katze. Doch heute nicht. Sie ist gestern ausgezogen. Sie darf nicht mitgehen nach Casma, das haben Leuenbergers schweren Herzens so entschieden.

 

Albertina ist Guatemaltekin und Rolf kommt aus dem Oberargau. Kennengelernt haben sich die beiden während ihrer Tätigkeit für das Hilfswerk HEKS (Hilfswerk Evangelische Kirche Schweiz) in Guatemala. Damals bebte dort die Erde und zerstörte weite Teile des Landes. Albertina arbeitete beim Wiederaufbau als Assistentin der leitenden Psychologin. Doch bis zu dieser Anstellung lag bereits ein langer Weg hinter ihr, denn als Tochter einer traditionellen Mayafamilie musste sie um ihre Ausbildung kämpfen.

 

Albertina wuchs in einem kleinen Dorf auf. Ihr Vater, ein liebevoller Mann mit traditionellen Wertvorstellungen, war der Ansicht, dass sich die Mädchen vor allem Fertigkeiten in der Hausarbeit aneignen müssen, um später gute Ehefrauen zu sein. Die Schule spielte für ihn lediglich eine Nebenrolle. Noch Albertina war da anderer Ansicht. Sie wollte studieren und auf gar keinen Fall heiraten.

 

Gegen Ende der Schulzeit besuchte sie eine Kurswoche in einem Nonnenkloster. Die jungen Frauen wurden dabei auf die Heirat vorbereitet. Albertina fand die Woche zwar spannend, erwähnte gegenüber einer Nonne jedoch, dass sie weiter die Schule besuchen möchte, um später Ärztin zu werden. Diese nahm ihren Wunsch auf und bot ihr ein Stipendium an einer weiterführenden Schule in der Stadt an. Albertina beschloss, das Angebot anzunehmen. Als sie ihrem Vater von ihren Plänen erzählte, war dieser strikte dagegen. Albertina jedoch liess sich nicht beirren und meinte, sie gehe sowieso. Mit oder ohne seiner Erlaubnis.

 

Der Tag der Abreise kam und Albertina trat, gegen den Willen ihres Vaters, die lange Reise in die Stadt an. Sie war eine begabte und fleissige Schülerin und mauserte sich rasch zur Klassenbesten. Nach einem Jahr kam ihr Vater zu Besuch. Die Lehrerinnen lobten seine Tochter in den höchsten tönen, was ihm sehr schmeichelte. Sein Wiederstand gegen ein Studium war gebrochen, doch bat er seine Tochter, die folgenden zwei Jahre im Dorf zu absolvieren, damit Albertina ihrer Mutter zur Hand gehen konnte. Albertina trat auf den Kompromiss ein und beendete die weitere Schulzeit in ihrer Gemeinde.

 

Während der Schulferien putzte Albertina die Hauswirtschaftsschule in der nahe gelegenen Stadt, welche von belgischen Nonnen geführt wurde. So bot sich die Gelegenheit, mit Hilfe eines weiteren Stipendiums und der Unterstützung der Nonnen, ein Hauswirtschaftsstudium zu absolvieren.

 

1976 bebte die Erde in Guatemala. 25’000 Menschen starben. Einer davon war Albertinas Vater. Um die Menschen in der Bewältigung der Katastrophe zu unterstützen, wurde ein breit angelegtes Hilfsprogramm auf die Beine gestellt. Zur Unterstützung der hauptverantwortlichen Psychologin wurde unter anderem eine Guatemaltekin gesucht. Viele Einheimische bewarben sich, doch Albertina bekam den Job. Gleichzeitig hatte sie sich an der Staatlichen Universität um einen Studienplatz in Psychologie beworben. Albertina erhielt einen der raren Plätze. Sie arbeitete die kommenden drei Jahre morgens für das Hilfswerk und am Abend besuchte sie Vorlesungen an der Universität.

 

1979 heiratete Albertina den adretten, jungen Schweizer Rolf Leuenberger und arbeitet weiterhin für das HESK. In Guatemala brach ein brutaler Bürgerkrieg aus. Die Indígenas kämpfen für ihre Rechte und wurden von Guerilla-Gruppen brutal niedergeschlagen. Albertina selbst wurde zwar nicht bedroht, doch erlebte sie die Schrecken des Konfliktes hautnahe mit. Als sich die USA in den Bürgerkrieg einmischten, wurde es auch für Rolf als Gringo zu gefährlich. Das Paar beschloss, für zwei Jahre nach Italien zu gehen, um dort ebenfalls in einem Aufbauprojekt nach einem Erdbeben mitzuarbeiten.

 

Nach zwei Jahren in Italien gingen sie im Auftrag von Caritas zurück nach Guatemala, um dort die Sicherheitslage vor Ort zu beurteilen. Doch es hat sich wenig geändert. Es war nach wie vor zu gefährlich für die beiden, um in Guatemala zu arbeiten. Vor allem auch, weil sie zu einer Familie gewachsen sind und die Verantwortung für zwei kleine Kinder trugen. Sie beschlossen, für Caritas nach Mexiko zu gehen, um dort nach dem Erdbeben von 1985 nachhaltige Aufbauarbeit zu leisten.

 

Albertinas und Rolfs Arbeit bestand vor allem darin, die Selbstversorgung der Menschen zu aktivieren. Die Einheimischen waren der Ansicht, dass auf ihrem Boden nichts wächst. Rolf legte auf seinem Grundstück einen grosszügigen Gemüsegarten an und lud die Dorfbewohner nach einigen Monaten zu sich nach Hause ein. So konnten sich die Einheimischen selber davon überzeugen, dass die Gegend, welche sie bewohnen sehr fruchtbar ist. Mit viel Geschick, Einfühlungsvermögen und harter Arbeit gelang es Leuenbergers, die Dorfbewohner davon zu überzeigen, dass es sich lohnt, Gemüse anzupflanzen und somit einen beträchtlichen Teil ihrer Lebensgrundlage selbst in die Hand zu nehmen.

 

Als Bienenliebhaber gab Rolf sein Wissen als Imker weiter. Die Mexikaner begannen, mit den Bienen zu arbeiten. Sie ernteten den Honig, stellten Propolis und Salben aus den Nebenprodukten her und verkauften diese.

 

Albertina lancierte weitere Projekte. So zum Beispiel vernetzte sie die Frauen aus unterschiedlichen sozialen Schichten geschickt miteinander und lernte sie, für ihre Träume einzustehen. Die Frauen erarbeiteten sich Geld, um zusammen eine dreitägige Reise zu unternehmen während die Männer auf die Kinder aufpassten und ihnen ein Festmahl bei der Rückkehr zubereiteten.

 

Leuenbergers legten bei ihrer Arbeit grossen Wert auf die Selbstbestimmung und Eigenständigkeit der Bevölkerung. Sie brachen festgelegte Rollenbilder auf und vernetzten unterschiedliche soziale Schichten miteinander. Ihre Arbeit war sehr erfolgreich und sprach sich in der Umgebung rasch herum. Nach fünf Jahren Tätigkeit in Mexiko betreuten sie 26 Dörfer, in denen die Menschen ihren eigenen Garten bewirtschafteten und teilweise Bienen züchteten.

 

1991 zogen sie in die Schweiz. Albertina gab von zu Hause aus Spanischunterricht. Sie machte Caterings mit guatemaltekischen Spezialitäten, leitete in Museen Führungen zur Mayakultur und gab ihr Wissen zur Webkunst der Mayas weiter, welches sie selbst als Mädchen von ihrer Grossmutter erworben hatte.

 

Rolf musste aus gesundheitlichen Gründen seine Erwerbsarbeit niederlegen. Er übernahm zu Hause die Küche und bekochte die gesamte Familie rund ums Jahr mit Gemüse aus dem eigenen, grossen Garten.

 

Albertina arbeitete viele Jahre in Küchen von Kinderkrippen, welche sie teilweise auch hauptverantwortlich leitete. Vor einigen Monaten liess sie sich pensionieren. Nach 25 Jahren in der Schweiz ist es ihr grosser Wunsch, wieder in einem Hilfswerk in Lateinamerika tätig zu sein.

 

Albertina und Rolf scheinen wie zugeschnitten für Fraternitas zu sein. Albertina besitzt ein ausgesprochenes Organisationstalent. Dies in Kombination mit einer unglaublichen Geduld und viel Verständnis und Einfühlungsvermögen für die Menschen. Als Guatemaltekin trägt sie die südamerikanische Kultur in sich. Albertina scheint eine Person zu sein, die hart arbeitet, zuverlässig ist und mit ihren 25 Lebensjahren in der Schweiz unsere Mentalität kennt. Ich denke, dass es Albertina gelingen wird, Fraternitas vor Ort zu stärken und weiter zu entwickeln. Albertina trägt eine grosse, mütterliche Liebe in sich. Ich bin sehr zuversichtlich, dass sie unser Hilfswerk so leiten wird, dass diese Liebe und Wärme weiterstrahlen kann, damit wir für die Kinder einen würdigen Familienersatz sein können.

 

Fraternitas besitzt einen grossen Gemüsegarten, welcher bereits jetzt von unserer Chefgärtnerin und mit Hilfe der Kinder und Jugendlichen bewirtschaftet wird. Es gibt aber auch brachliegendes Land, welches darauf wartet, bepflanzt zu werden. Ebenfalls leben Bienen auf unserem Grundstück. Rolf wird mit Sicherheit sein Wissen weitergeben, so dass wir einen ansehnlichen Ertrag aus der fruchtbaren Erde in Casma erwirtschaften können. Ich bin sicher, die Bienen dürfen sich auf einen liebevollen Imker freuen und mit seinem grossen Herzen wird Rolf eine Bereicherung für die Kinder sein. Besonders gefällt mir seine Offenheit und seine unbeschwerte Art, Rollenbilder zu hinterfragen. Bestimmt wird er für die Jungs von Fraternits eine Bereicherung sein und ihnen vorleben, was es heisst, einen verantwortungsvollen Mann zu sein.

 

Wir vom Vorstand freuen uns sehr, dass Albertina und Rolf die Herausforderung annehmen und nach Casma reisen. Wir freuen uns, dass sie bereit sind, Fraternitas voran zu bringen und ihren Teil beitragen, damit wir den Kindern ein liebevolles zu Hause bieten können.

 

Wie mir Albertina verraten hat, lautet ein altes, guatemaltekisches Sprichwort: Gib besser heute dein Wissen weiter, denn morgen fressen dich die Würmer. Mit dieser Motivation brachen die beiden Anfang Mai auf, um in Peru ihr Wissen und ihre Können einzusetzen und weiterzugeben. Vielen, vielen Dank dafür!

 

Im Namen des Vorstandes Schweiz, Ursina Graf