Erlebnisbericht einer Praktikantin

Im Sommer 2016 schloss ich die Matura ab. Ich hatte mich bereits im Voraus dazu entschieden, nicht direkt mit dem Studium zu beginnen, sondern ein Zwischenjahr einzulegen. Ich wollte Erfahrungen sammeln, welche über den gymnasialen und universitären Alltag hinausreichen. Ich wollte mit meiner Arbeit Menschen unterstützen, welche aus schwierigen sozialen Verhältnissen kommen.

Durch persönliche Beziehungen stiess ich auf Fraternitas Humana. Da es sich bei Fraternitas um ein kleines und überschaubares Kinderhilfswerk handelt, welches den Kindern ein familiäres Umfeld bietet und wo trotz Schweizer Mithilfe peruanische Werte respektiert werden, verspürte ich das Bedürfnis, diese Organisation zu unterstützen.

 

In Casma angekommen dauerte es einige Tage, bis ich mich eingelebt und neu orientiert hatte. Ich musste zuerst einmal herausfühlen, wie ich mich am sinnvollsten einbringen konnte und wo meine Mithilfe die effektivste Wirkung erzielte. Ich merkte rasch, dass die Kinder im Bereich des Haushaltes enorm selbständig sind und dass die Hausmütter ihnen bereits im frühen Alter beibringen, ihre Aufgaben zu erledigen, ihre Kleider zu waschen, zu putzen und beim Kochen die Hausmütter zu unterstützen. Durch gemeinsame Gespräche mit den Hausmüttern und den Kindern erkannte ich jedoch, dass es auch Bereiche gibt, in welchen die Kinder noch mehr lernen können. Da ich selbst in Bern viel Sport treibe und auch beim Nachwuchs Training leite, bin ich der Meinung, dass Sport der Entwicklung junger Kinder gut tut und ihnen einen Ausgleich zum Alltag bietet. Deshalb animierte ich die Kinder in Casma dazu, am Morgen jeweils eine Stunde gemeinsam mit mir Sport zu treiben. Zu Beginn waren einige Kinder noch etwas schläfrig, wenn wir um halb sechs Uhr morgens vor dem Frühstück aufbrachen und uns auf den Weg zum Sportplatz machten. Doch mit jedem Morgen wuchs die Motivation und die Kinder verbesserten sowohl ihre konditionellen und koordinativen Fähigkeiten, wie auch die Fähigkeit Teamgeist zu zeigen und ihre TeamkameradInnnen bei einem Wettrennen oder einer Stafette anzufeuern.

 

Nach der morgendlichen Sportstunde begleitete ich die älteren Mädchen täglich auf den Hof, um dort mit anzupacken. Unsere Aufgaben bestanden darin, die Hausmütter und Hofleiter bei der Garten- und Hofarbeit zu unterstützen und Unkraut zu jäten, Maracuya abzulesen oder die Gemüsebeete neu aufzubauen. Am Samstagmorgen und in den Schulferien kam es häufig vor, dass nicht nur die älteren Kinder auf dem Hof mithalfen, sondern dass wir gemeinsam mit allen Kindern und Hausmüttern auf den Hof fuhren. Ich empfand es als sehr sinnvoll und bereichernd für die Kinder, dass sie sich in einer so natürlichen Umgebung aufhalten und beschäftigen konnten und die Kinder erzählten mir, dass ihnen die Arbeit auf dem Hof gefalle und ihnen Abwechslung biete.

Unter der Woche unterrichtete ich am Nachmittag jeweils drei verschiedene Leistungsgruppen in Englisch und dies war für mich eine besonders interessante Erfahrung, bei welcher sowohl die Kinder wie auch ich in der Lehrerposition sehr viel lernten. Es war spannend zu sehen, wie unterschiedlich die Kinder auf meine Lernmethoden reagierten und auf welche Weise sie sich das Wissen aneigneten. Bei dem jüngsten Mädchen bestand der Unterricht hauptsächlich aus mündlichen und gestalterischen Übungen, wobei sie auf spielerische Weise Zahlen, Worte und Farbnamen in englischer Sprache erlernte. Bei den älteren Kindern behandelte ich auch grammatikalische Themen, doch versuchte ich immer, ihnen das Wissen mit Hilfe von spielerischen und abwechslungsreichen Methoden näherzubringen. Für mich war es besonders schön zu sehen, wie begeistert die Kinder lernten und wie sie auch nach der Unterrichtsstunde noch versuchten, gemeinsam Englisch zu sprechen.

An den Wochenenden und während der Ferien organisierte ich einige Ausflüge. An einem sonnigen Nachmittag fuhren wir ans Meer, mit den jüngeren Kindern besuchte ich den nahegelegenen Spielplatz, wir gingen ins Schwimmbad und gemeinsam mit vier Mädchen lief ich zum Mirador, von wo aus wir eine tolle Aussicht über Casma hatten.

 

Neben den vielen unvergesslichen Erlebnissen mit den Kindern, welche mich mit ihrer herzlichen und direkten Art immer wieder aufs Neue berührten, lernte ich viel über die peruanische Lebensweise und auch über mich selbst. Ich sah, wie bereichernd es für alle sein kann, wenn es zu einem kulturellen Austausch kommt und dass wir voneinander lernen können und sich so unsere Perspektiven erweitern. Ich hoffe, dass auch die Kinder und Hausmütter in Peru an eine schöne und interessante gemeinsame Zeit zurückdenken.

Robine Bodenmann